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Wir brauchen eine neue Mondlandung!

August 25, 2021

»Dass die menschliche Innova­ti­ons­kraft helfen wird, uns Münch­hausen-mäßig aus dem Sumpf zu ziehen, wird nicht der Fall sein.«

»Dass die menschliche Innovationskraft helfen wird, uns Münchhausen-mäßig aus dem Sumpf zu ziehen, wird nicht der Fall sein.«
Georg Steinberger, Vorsitzender des FBDi

Quelle: Fachzeitschrift Elektronik Praxis, Redakteur Johann Wiesböck

Fühlen Sie das auch?

Etwas ist in Bewegung geraten in den letzten eineinhalb Jahren. Eine neue Aufbruchs­stim­mung: Es muss sich was ändern, sowohl im Persönlichen, aber auch gesell­schaft­lich. Ob sich diese Veränderungen auch wirtschaftlich positiv manifestieren, das muss sich zeigen – es liegt an uns.

Die sich hoffentlich abschwächende Pandemie hat gezeigt, dass wir, wenn »et mutt«, aufein­an­der aufpassen können; wir haben jeder für uns viel dazu gelernt über unsere Fähigkeit, Arbeit und Leben anders zu organisieren. Und wirtschaftlich: Der derzeitige Aufschwung geht einher mit einer wachsenden Einsicht – Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sei Dank für den Weck­ruf – dass Ökonomie ohne ernst gemeinte Ökologie nicht mehr lange funktionieren wird und – guess what? – wenn wir es richtig an­packen, zu einer Renaissance der deutschen Innovationsindustrie führen kann… ja ja, ich höre die Kritiker: »Ja, wir sind doch innovativ!« Doch gemach, ich werde drauf zurück­kom­men.

Das Bundesverfassungsgericht hat eine Dis­kus­sion über das richtige Maß an Klima­schutz zur Erreichung der CO2 Neutralität ausgelöst, der US-Präsident tut mit seiner hoffentlich ernst gemeinten Initiative ein Übriges.

Man sollte hier nicht außer Acht lassen, dass wir bei weitem nicht nur ein CO2-Pro­blem haben, es geht um Ressourcenverschwendung allgemein. Lassen Sie uns das mal in Zahlen darstellen:

  • Im Jahr 2020 verbrauchten knapp acht Milliarden Menschen rund 1,7 Planeten – blenden wir uns mal nicht dadurch, dass die Pandemie und das einhergehende kurzzeitige Abbremsen der Wirt­schafts­tätig­keit den Earth-Overshoot-Day leicht nach hinten verschoben hat: Ende Juli sind die Ressourcen einer Erde auf­ge­braucht.

  • Im Jahr 2050 werden rund zehn Milli­ar­den Menschen den Planeten bevölkern. Enormer Einsparungen in der ent­wickel­ten Welt zum Trotz wird dies auf einen Verbrauch von zwei Planeten pro Jahr hinauslaufen, denn jeder möchte gern die Annehmlichkeiten der modernen Gesellschaft genießen.

Leben auf der Erde muss auch zukünftig möglich sein

Dass das nicht funktionieren kann, sollte jedem klar sein, doch was sind die Kon­se­quen­zen? Ich erspare uns mal die zynische und undenkbare Antwort und sage es opti­mis­tisch/realistisch: wir müssen – als Menschheit (schließt übrigens Unternehmen, Lobbyisten, Autokraten und andere »More-Equals« mit ein) – darauf hinarbeiten, dass wir mit zehn Milli­ar­den Menschen nur EINEN Planeten ver­brau­chen, und diesen EINEN Planeten, wenn mög­lich, wieder so instand setzen, dass dieses Le­ben nicht nur 2050 möglich ist, sondern auch 2060, 2070 und so weiter. Alles, alle unsere Aktivitäten als Menschheit, ob individuell, als Gesellschaften oder als Wirtschaft, die dieses Ziel nicht unterstützen, sind irrelevant.

Innovation per se ist kein Retter sondern ein Hilfsmittel

Das ist eine große Aufgabe, größer als alles, was wir bisher unternommen haben, und es bedarf einer gigantischen globalen gesell­schaft­lichen Anstrengung dieses »geteilt durch 2« umzusetzen. So wie 1969 alle Menschen »mit zum Mond« geflogen sind, brauchen wir diesen Geist einer »neuen Mondlandung«, an der wir alle beteiligt sind, nur eben um den Planeten Erde zu erhalten.

Wir befinden uns noch in einer Komfortblase, die uns vorgaukelt, dass die mensch­li­che Inno­va­tions­kraft uns helfen wird, uns Münch­hau­sen-mäßig aus dem Sumpf zu ziehen. Das wird nicht der Fall sein. Ich darf nur daran erinnern, dass die Nutzung des Internets zu einem mon­strö­sen Anstieg des Stromverbrauchs weltweit geführt hat – und IoT via 5G hat noch nicht mal richtig angefangen.

Wenn Sie bedenken, unter welch prekären Umständen viele für moderne Technik not­wen­dige Rohstoffe erzeugt oder geschürft werden, dann wird Ihnen dabei das Wort Nach­haltigkeit nicht begegnen. »Innovation« per se ist kein Retter sondern ein Hilfs­mit­tel, um die oben genannten Ziele zu erreichen und hat sich dem gleichen :2-Prinzip unter­zu­ord­nen. Ebenso »Nachhaltigkeit«, »CSR«, »ESG« oder »Circular Economy«. Wenn jemand zu Ihnen »nachhaltig« sagt, dann fragen Sie, wie er das definiert …

Sicherstellen, dass Smart-Technik auch Gewinn bringt

Smart Cities, die derzeit allerorts diskutiert werden und sukzessive entstehen, sind ein hervorragendes Beispiel, was die »neue Mond­landung« bedeutet: Wenn im Jahr 2050 70 Pro­zent dieser zehn Milliarden Menschen in Städ­ten leben – Städte von bis zu 50 Millionen Menschen oder mehr – dann ist die Orga­ni­sa­tion solcher Mega-Cities mit heutigen Me­tho­den nicht mehr zu realisieren, weil diese nicht auf Ressourcen­scho­nung basieren. Setzen Sie nun Technologien ein – IoT, KI, Big Data – um mehr Effizienz, Lebensqualität und Nach­hal­tig­keit rauszuholen, müssen Sie sicherstellen, dass diese immense Technik (sprichwörtlich Milliarden von Sensoren, die Daten liefern) nicht den Effizienz-, Qualitäts- und »Nachhal­tig­keits«-Gewinn wieder auffrisst.

Immer vorausgesetzt, dass Smart-City-Projekte von den Menschen her gedacht werden, dass Smart-City-Protagonisten Städte nicht nur mit Technik vollstopfen, son­dern dem »wahren« Nachhaltigkeitsprinzip (:2) folgen und den Ef­fi­zienzgewinn auch realisieren, können sie einen wahren Innovationsschub auslösen.

Was Zukunftsarchäologe Markus Iofcea von UBS-Y die »Trillion Sensor Society« nennt, bedeutet intelligente IoT-Module, 5G-Ver­bin­dun­gen, KI und Data-Center-Performance zuhauf – ein Riesenmarkt, in dem derjenige, der stabile Geschäftsmodelle findet à la »Living as a Service«, jede Menge Umsatz machen kann – allein in Deutschland – zig Milliarden Euro.

Die Wettbewerbsfähigkeit Europas im globalen Kontext

Jetzt kommen wir zur Wettbewerbsfähigkeit Europas im globalen Kontext und was die der­zeitige Chipknappheit damit zu tun hat. Fangen wir mit letzterer an.

Die dramatische Entwicklung des weltweiten Halbleitermarktes in den letzten Mo­na­ten mit einem riesigen Auftragsschub aus allen Bran­chen, der nur unzureichend bedient werden kann, lässt viele europäische Kunden im Regen stehen – und nicht nur die, die Allokation trifft alle Kunden weltweit, wenn­gleich sicher un­ter­schied­lich stark. Ist doof, kennen wir aber viel­fach aus der Vergangenheit. Viel wichtiger ist die Frage, ob die derzeitige Chipknappheit anders ist als diejenigen in der Vergangenheit und ob dies zu Strukturveränderungen in der Halbleiter­in­dus­trie führen kann und wird. Die Antwort ist auf beide Fragen ja, und die trei­ben­de Kraft sind die USA.

Während in der EU noch drüber diskutiert wird, US-Halbleiterherstellern Milliarden­ge­schen­ke zu machen für die Produktion von 5-nm-Chips, welche dann an US-Unter­neh­men verkauft werden, organisieren die USA die kom­plette Halbleiterlieferkette neu, um si­cher­zu­stellen, dass man nicht in eine Ab­hängigkeit von China gerät oder Taiwan zum geostra­te­gi­schen Hochrisikogebiet wird. Das kann man dann machen, wenn der Großteil der in Wafer-Fabs produzierten Chips auf US-IP (Intellectual Property) basiert und/oder in US-End­pro­duk­ten landet.

Deutschland veröffentlicht weniger zum Thema IC-Design als Belgien

Anders Europa: Der gesamte europäische Chipverbrauch ist wohl kleiner als der eines einzigen bekannten amerikanischen Telefon­her­stellers. Europas Anteil am weltweiten Chipverbrauch liegt unter zehn Prozent, und der IP-Anteil dürfte nicht viel größer sein. Wie die Stiftung Neue Verantwortung in ihrer Pu­bli­kation »Who is developing the chips of the future?« klar aufzeigt, ist der Anteil Deutsch­lands an weltweiten Veröf­fent­li­chun­gen zum Thema IC-Design kleiner als der Belgiens und bestenfalls vertreten durch die Fraunhofer-Gesellschaft.

Wo sind bitte die deutschen Hochschulen, Studenten und Unternehmen, die sich mit mas­senmarkttauglichen Chip-Designs beschäf­ti­gen? Was hilft es, wenn hier teure High-End-Fabriken gesponsert werden, deren Chips nicht hier designt und schon gar nicht hier verwendet werden, weil zu Hightech?

Sensorik statt Highend-IC-Fabs: Politik muss den richtigen Fokus setzen

Hier muss die Politik ansetzen, wenn sie lang­fristig etwas ändern will und nicht nur die Automobilindustrie und den Maschinenbau im Sinn hat. Statt sich mit Industrie 4.0 auf die Schulter zu klopfen, sollte man vielleicht auf Cleantec 2.0 setzen. Das ist in meiner De­fi­ni­tion alles, das dem oben beschriebenen :2-Ziel dient – und zwar nicht nur nach Worten, son­dern nach Effekt für die Umwelt (nicht nur Klima, auch Ressour­cen).

Wer, wenn nicht der (deutsche) Mittelstand wäre prädestiniert, digitale Fabrik und digitale Stadt vorantreiben zu helfen, mit IP-Kon­zep­ten, die alles von IoT, KI, Cloud, Energie­ef­fi­zi­enz und Umweltverträglichkeit mit ein­schlie­ßen – und zwar massen­taug­lich.

Warum sollten die –zig Milliarden intel­li­gen­ten Sensoren, die dafür not­wen­dig wä­ren, nicht von hier kommen, nicht leading-edge sein und nicht auch in China und den USA milliardenfach gefragt sein?
Ein Massenmarkt, der nicht dem Weg­wer­fen dient, sondern der »neuen Mond­lan­dung«: Hier ist er.

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