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Zwischen Lieferengpässen und Umsatz­re­korden

26. Januar 2022

Warten auf die Halbleiter

Branchenbarometer*
Branchenbarometer

Quelle: Markt&Technik Nr. 3/2022 (eg)
Geht es den Halbleitern gut, profitieren davon auch die Hersteller passiver Bauelemente – ein Zusammenhang, den man fast ein Branchenmantra nennen könnte. Kommt die Halb­leiter­branche unter Druck, wirkt sich das direkt auf die Geschäfts­ent­wicklung im Bereich passiver Bauelemente aus.

Es war auch die Verfügbarkeit von Halbleitern, die ihre Verkaufszahlen limitierten, meint dazu Harald Sauer, Director Taiyo Yuden Europe. Besonders deutlich schlug dieser Zusammenhang 2021 im Automotive-Bereich durch, seit über zwei Jahrzehnten das wichtigste Absatzsegment in Deutschland und wohl auch in Europa.

Olaf Lüthje, Senior Vice President Business Marketing Passives bei Vishay, meint zwar, dass aus seiner Sicht das Automotive-Geschäft 2021 positiv zu bewerten war, man müsse aber auch sagen, dass es letztlich hinter den Erwartungen und auch hinter dem Wachstum anderer Industriebereiche zurückgeblieben sei.

Ferdinand Leicher, Vice President Sales EMEA bei Bourns, wird konkreter: Das 3. und 4. Quartal brachte für die Automobil-OEMs und damit auch für die Tier-Ones und Tier-Twos deutliche Einbrüche. Die Umsätze seien in diesen Quartalen gegenüber den Erwartungen um 20 bis 40 Prozent zurückgegangen.
 
Die Ergebnisse waren grundsätzlich zufriedenstellend, hätten aber noch besser sein können, wenn Halbleiter in ausreichender Mengeverfügbar gewesen wären, versichert auch Jens Mollitor, CTO bei Endrich Bauelemente. Die Einbrüche fanden bei ihnen 2020 statt; 2021 sei für sie ein Rekordjahr gewesen! 

Wer im Blick auf 2021 enttäuscht sei, müsse ihres Erachtens etwas verkehrt gemacht oder allzu große Erwartungen gehegt haben, meint Annette Landschoof, Produkt­ma­na­ger bei Schukat electronic, und bezieht diese Aussage auf das gesamte An­wen­dungs­ge­biet passiver Bauelemente, nicht nur auf Automotive. Ihre klare Aussage: 2021 war ein Jahr, in dem die Kollegen vom Einkauf besonders gefordert waren!
 
Verrückt, auf diesen kurzen Nenner bringt Herbert Blum, Product Manager bei Schurter, das Jahr 2021 in seiner Gesamtheit und dürfte mit dieser Einschätzung für die Mehrheit in der Branche stehen, die teils bis kurz vor Weihnachten damit be­schäf­tigt war, Kundenbedürfnisse und Waren­ver­füg­barvkeit irgend­wie in eine ak­zep­tab­le Balance zu bringen.

Zugegeben, Allokationen gab es schon in der Ver­gan­gen­heit, aber ein Zusam­mentref­fen so vieler Fak­toren, die sich negativ auf die Verfüg­barkeit und die zuverlässige Belieferung mit passiven Bauelementen ausgewirkt haben, daran können sich auch die Erfahrensten in der Branche nicht erinnern.

Doch 2021 ist Vergangenheit. Was bringt das Jahr 2022 voraussichtlich für die Branche der passiven Bauelemente?

Nach dem perfekten Sturm des letzten Jahres beurteilt Uwe Reinecke, Regional Vice President Sales TTI Europe, die nächsten sechs Monate als sehr robust. Über diesen Zeithorizont hinaus könne man keine konkrete Aussage machen, da zu viele un­vor­her­seh­ba­re Faktoren mit hereinspielen. In Summe ginge er aber von einem gesunden Jahr 2022 aus.  

2021, das war der Tanz auf dem Vulkan, so Dr. Arne Albertsen, Senior Sales Manager bei Jianghai Europe. Wie alle in der Branche gebe er sich nicht der Hoffnung hin, dass es in den nächsten Wochen und Monaten spürbar besser werden könne. Dr. Al­bert­sen beschreibt die zu erwartende Situation im Jahr 2022 denn auch als Tanz auf dem Vulkan Teil 2, aber dieses Mal dann mit echten Eruptionen.

Aktuell sieht Ferdinand Leicher für das 1. Quartal 2022 und bis weit ins 2. Quartal 2022 hinein keinerlei Verbesserung der Lieferzeiten, Produktverfügbarkeit oder deren generellen Logistik-Situation. Parallel dazu spricht er in Bezug auf die Automotive-Branche von einem regelrechten Roulette-Spiel, wenn es um Werke mit Fokus auf die Autoindustrie geht.

Deren größtes Problem ist derzeit die völlige Unklarheit der OEMs in Richtung der Tier-Ones über realistische Pro­duktions­men­gen. Ein Problem, das im Zweifelsfall auch auf andere Branchen übertragbar sein dürfte. Allgemein herrscht in der Branche die Einschätzung vor, dass die Automobilbauer die nicht gebauten Stückzahlen der Jahre 2020 und 2021 nachzuholen versuchen werden.

Mit ausreichender Halbleiterversorgung, so die allgemeine Überzeugung, werden die Bedarfe im Automobil- und Automotive-Bereich stark hochlaufen, mit entsprechenden Auswirkungen auch auf andere Anwenderbranchen.

Für diese Situation versuchen sich die Hersteller passiver Bauelemente spätestens seit dem letzten Jahr mit zusätzlichen Investitionen in den Ausbau ihrer Fertigungen zu wapp­nen.

Asushi Omoto, Geschäftsführer von Susumu Deutschland, bestätigt das denn auch für sein Unternehmen: Prinzipiell seien sie im abgelaufenen Jahr sehr zufrieden mit dem Auftragseingang. Die Produktionskapazität sei jedoch komplett ausgeschöpft. Sie würden daran arbeiten, ihre Möglichkeiten deutlich zu vergrößern. Als Grund für die Situation im Jahr 2021 nennt er die deutlich gestiegene Nachfrage aus dem Auto­mo­tive-Bereich. Angesichts der laufenden Anstrengungen zum Ausbau der Pro­duk­tions­ka­pa­zi­tä­ten gehe er davon aus, dass es bei Susumu mit oder nach dem 3. Quartal 2022 zu einer Ver­ringe­rung der Liefer­pro­ble­me kommen würde.

Zumindest für das erste Halbjahr 2022, so die vorherrschende Meinung in der Bran­che, ist nicht mit großen Veränderungen gegenüber der Situation in der zweiten Jah­res­hälfte 2021 zu rechnen. Stand heute sehen wir kundenseitig einen Forecast von über zwölf Monaten, berichtet etwa Stefan Sutalo, Director Product Marketing Passive Components bei Rutronik. Ihre Hersteller würden die Versorgung für die ersten sechs Monate des neuen Jahres als weiterhin kritisch ansehen. Ob sich dieser Zeitraum dann noch mal verlängere, würde man nach dem 1. Quartal wissen, so Sutalo.

Von den meisten Kunden erhielten sie inzwischen Forecast-Zahlen über 18 Monate, schildert Rüdiger Scheel, Vice President Mobility bei Murata Europe, die aktuelle Situation. Eine allgemeine Verknappung erwarte er für 2022 nicht, auch wenn man vor punktuellen Engpässen, etwa durch neue Lockdowns in Asien, natürlich nicht sicher sein könne. Was Muratas Produkte wie vor allem MLCCs, Induktivitäten und Quarze betreffe, erwarte er, dass sich der Automotive-Markt in der zweiten Jahreshälfte 2022 deutlich erhole. In Märkten wie EMS, Industrie und Distribution könne es dagegen zu einer Beruhigung kommen, da dort inzwischen wieder Lagerbestände bei den Kunden aufgebaut werden konnten.

Ihre Auftragsbücher für 2022 seien schon gut gefüllt, bestätigt auch Josef Vissing, President TDK Europe; speziell aus dem Bereich Automotive würden die Auf­trags­be­stän­de bei ihnen bereits weit in das Jahr 2023 hineinreichen. Auch wenn sie aktuell durch die Corona-Situation punktuell betroffen sein mögen, sieht Vissing weiterhin eine stabile Wirtschaftslage in Deutschland. Neben Themen wie Lieferlogistik sowie gestiegenen Rohstoff- und Energiekosten zählen für ihn weiter geopolitische Aspekte wie die wirtschaftspolitischen Konflikte zwischen den USA und China zu den He­raus­for­de­run­gen, die das Jahr 2022 begleiten würden.


Auch Alexander Gerfer, CEO und CTO der Würth Elektronik eiSos, geht davon aus, dass die Marktentwicklung noch bis Mitte 2022 auf dem Niveau der letzten Monate bleiben wird.
Es sei darum weiter wichtig, dass die Kunden in der aktuellen Situation nicht über­rea­gieren. Es müsse mit dem wahren Bedarf der Kunden geplant werden, alles andere verschärfe die Lieferengpässe nur weiter. Nur mit dieser Transparenz sei es möglich, die Beschaffungs­si­tuation gemeinsam zu meistern. Für Gerfer ist aber auch klar: Jeder Lockdown in den chinesischen Industrie­me­tro­po­len wird sich früher oder später auf die ohnehin schon angespannte Liefer­ketten­situ­a­tion auswirken! 

Wirklich spannend dürfte es nach Einschätzung von Jean Quecke, Sales Director (IPE) Central Europe bei Future Electronics, ab dem 2. Quartal 2022 werden:  Dann würde der Automotive-Sektor seinen Bedarf an Elektronik wieder massiv hochfahren. Er weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass zwar die Umsätze aus dem Automotive-Bereich 2021 nachgelassen hätten, die Aufträge aber bis Mitte 2023 vielfach durchdisponiert und dadurch auf einem Höchststand liegen würden. Quecke geht deshalb davon aus, dass Q3 und Q4/2022 mit weiteren Lieferzeitverlängerungen einhergehen werden.

Wie die Versorgungslage 2022 wird?  

Diese Frage sei sehr schwer zu beantworten, meint Peter Kokot, Director Technical Marketing für Central Europe bei Avnet-Abacus, denn der Bedarf in allen Bereichen habe sich enorm verändert und erhöht. Aus seiner Sicht lege es deshalb jetzt bei den Herstellern, die Produktion der benötigten Bauteile in ausreichendem Maße zu sichern. Blickt Kokot in seine Auftragsbücher, dann stelle er fest, dass sie schon für das komplette Jahr 2022 sehr gut gefüllt seien; dennoch gebe es noch Kapazitäten für weitere Aufträge.

Pragmatisch betrachtet Annette Landschoof die Situation: Nach heutigem Stand meldeten zwar einige Hersteller für bestimmte Produktbereiche lange Lieferzeiten bis teilweise 2023 an, aber auch 2022 werde man schwer beschaffbare Ware auf dem Markt bekommen können. Letztlich sei es wie immer eine Preisfrage, und ob der Kunde bereit sei, diesen zu zahlen. 

Preise: Vor dem Hintergrund steigender Kosten für Vor- und Rohmaterialien sowie Energie-, Transport- und Logistikkosten und einiger sehr spontaner Regierungs­ent­schei­dungen, etwa zur Power Restriction in China, erhöhten sich die Preise für passive Bau­ele­men­te 2021 in einer Spanne von einigen wenigen Prozent bis zu Preis­ver­dop­pevlun­gen und mehr. Pauschaliert waren den Rückmeldungen aus der Branche zufolge 2021 Tantal- und Elektro­lyt­kon­den­sa­to­ren die stärksten Preistreiber, auch Ferrite waren auffällig. Speziell bei Aluminium-Elektro­lyt­kon­den­sa­to­ren erwarten Branchen­kenner 2022 weitere Preis­stei­ge­rungen.

Da die schlimmsten Kostensteigerungen erst im 3. Quartal 2021 sichtbar wurden, werden die Preissteigerungen 2022 deutlich stärker ausfallen als im Vorjahr, meint Leicher. Inzwischen gebe es fast keinerlei Produktbereiche mehr, die nicht von Kostensteigerungen von 20 Prozent und mehr betroffen sind. (eg)

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